Berlins
Bildungssenator Jürgen Zöllner hat einen Lösungsvoschlag:
Gymnasium und Regionalschule
Die
Truppen stehen noch: hier die Befürworter der Dreigliedrigkeit,
dort die Anhänger der Einheitsschule. »Leistung«
und »Wahlfreiheit« heißen die Geschosse der einen
Seite; »Chancengleichheit« und »soziales Lernen«
die der Gegner. Über 30 Jahre lang währt der deutsche
Schulkampf bereits, und manch kalter Krieger träumt von der
nächsten Bundestagswahl als Schauplatz einer neuen großen
Bildungsschlacht.
Zugleich
wächst die Zahl derjenigen, die sich nach Versöhnung sehnen.
Den jüngsten Friedensvertrag hat Berlins Bildungssenator Jürgen
Zöllner vorgelegt. Sein Schulmodell besteht aus zwei
Säulen, dem Gymnasium und der Regionalschule. Es soll die übrigen
Schulformen vereinen und vom praxisorientierten Abschluss nach zehn
Jahren bis zum Abitur alle Bildungswege anbieten.
Zöllners
Entwurf ist doppelt interessant. Zum einen entwickelt er das starre
Bildungssystem weiter, ohne es zu revolutionieren – eine typisch
deutsche Lösung. Der wuchernde Dschungel der Schulformen wird
gelichtet, mehr Kinder lernen länger gemeinsam. Dennoch zwingt
Zöllner die Eltern nicht, ihre Kinder auf eine Gesamtschule
zu schicken. Das Gymnasium, die Trutzburg des Bürgertums, wird
nicht geschliffen.
Doch bemerkenswerter ist etwas
anderes. Zöllners Vorschlag, vorgetragen von einem Mitglied des
rot-roten Berliner Senats, ähnelt bis ins Detail dem Modell,
das die Hamburger Stadtregierung für ihre Schulen anstrebt. Nur
regieren in der Hansestadt die Grünen mit der CDU. Schwarz-Grün
plant neben der Zwei-Pfeiler-Struktur zudem, die Grundschule auf
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Jahre zu verlängern, wie es in Berlin üblich ist. Sechs
Jahre Grundschule, dann auf zwei Wegen weiter: Zumindest in den
Großstädten deutet sich von links bis rechts eine Allparteienkoalition
der schulpolitischen Vernunft an.
Doch
wie bei pragmatischen Lösungen üblich, löst das Zwei-Säulen-Modell
keine Euphorie aus, am wenigsten in den eigenen Reihen. In Hamburg
bricht die CDU mit ihrem bildungspolitischen Leitspruch »Keine
Experimente«. Das nehmen ihr viele Konservative übel.
In Berlin fluchen PDS und linke SPD, Zöllner verrate die Gemeinschaftsschule.
Während die einen in der Vergangenheit leben, träumen
die anderen von einer Zukunft, die niemals kommt.
Denn
ohne Strukturreformen lassen sich unsere Bildungsprobleme – die
Ungerechtigkeit, die große Zahl Risikoschüler – nicht
lösen. Gerade die Hauptschule ist bereits klinisch tot (siehe
Chancen, Seite 87). Auf dem Land laufen ihr die Eltern davon. In
den Großstädten erweist sie sich als eine Art staatlich
organisierte Parallelgesellschaft, in der sich alle sozialen Probleme
dieses Landes ballen.
Die
flächendeckende Einführung der Gesamtschule wird aber
auch keine Alternative sein, dafür haben wir die falschen Eltern,
die falschen Lehrer, die falschen Politiker. Sie verspricht nur
eine Neuauflage des Kulturkampfes der siebziger Jahre und eine Dauerunruhe
in unseren Schulen, die kein Kultuspolitiker sich wünschen
kann.
Der
historische Kompromiss im Streit um die Schulstruktur wärmt
keine Herzen, er ist nur mit Mühe umzusetzen und kostet wie
alle Reformen viel Geld. Aber der Frieden ist es wert.
(Martin
Spiewak) |