Friede in Sicht!

Von Martin Spiewak |  © DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner hat einen Lösungsvoschlag: Gymnasium und Regionalschule

Die Truppen stehen noch: hier die Befürworter der Dreigliedrigkeit, dort die Anhänger der Einheitsschule. »Leistung« und »Wahlfreiheit« heißen die Geschosse der einen Seite; »Chancengleichheit« und »soziales Lernen« die der Gegner. Über 30 Jahre lang währt der deutsche Schulkampf bereits, und manch kalter Krieger träumt von der nächsten Bundestagswahl als Schauplatz einer neuen großen Bildungsschlacht.

Zugleich wächst die Zahl derjenigen, die sich nach Versöhnung sehnen. Den jüngsten Friedensvertrag hat Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner vorgelegt. Sein Schulmodell besteht aus zwei Säulen, dem Gymnasium und der Regionalschule. Es soll die übrigen Schulformen vereinen und vom praxisorientierten Abschluss nach zehn Jahren bis zum Abitur alle Bildungswege anbieten.

Zöllners Entwurf ist doppelt interessant. Zum einen entwickelt er das starre Bildungssystem weiter, ohne es zu revolutionieren – eine typisch deutsche Lösung. Der wuchernde Dschungel der Schulformen wird gelichtet, mehr Kinder lernen länger gemeinsam. Dennoch zwingt Zöllner die Eltern nicht, ihre Kinder auf eine Gesamtschule zu schicken. Das Gymnasium, die Trutzburg des Bürgertums, wird nicht geschliffen.

Doch bemerkenswerter ist etwas anderes. Zöllners Vorschlag, vorgetragen von einem Mitglied des rot-roten Berliner Senats, ähnelt bis ins Detail dem Modell, das die Hamburger Stadtregierung für ihre Schulen anstrebt. Nur regieren in der Hansestadt die Grünen mit der CDU. Schwarz-Grün plant neben der Zwei-Pfeiler-Struktur zudem, die Grundschule auf sechs
 

Jahre zu verlängern, wie es in Berlin üblich ist. Sechs Jahre Grundschule, dann auf zwei Wegen weiter: Zumindest in den Großstädten deutet sich von links bis rechts eine Allparteienkoalition der schulpolitischen Vernunft an.

Doch wie bei pragmatischen Lösungen üblich, löst das Zwei-Säulen-Modell keine Euphorie aus, am wenigsten in den eigenen Reihen. In Hamburg bricht die CDU mit ihrem bildungspolitischen Leitspruch »Keine Experimente«. Das nehmen ihr viele Konservative übel. In Berlin fluchen PDS und linke SPD, Zöllner verrate die Gemeinschaftsschule. Während die einen in der Vergangenheit leben, träumen die anderen von einer Zukunft, die niemals kommt.

Denn ohne Strukturreformen lassen sich unsere Bildungsprobleme – die Ungerechtigkeit, die große Zahl Risikoschüler – nicht lösen. Gerade die Hauptschule ist bereits klinisch tot (siehe Chancen, Seite 87). Auf dem Land laufen ihr die Eltern davon. In den Großstädten erweist sie sich als eine Art staatlich organisierte Parallelgesellschaft, in der sich alle sozialen Probleme dieses Landes ballen.

Die flächendeckende Einführung der Gesamtschule wird aber auch keine Alternative sein, dafür haben wir die falschen Eltern, die falschen Lehrer, die falschen Politiker. Sie verspricht nur eine Neuauflage des Kulturkampfes der siebziger Jahre und eine Dauerunruhe in unseren Schulen, die kein Kultuspolitiker sich wünschen kann.

Der historische Kompromiss im Streit um die Schulstruktur wärmt keine Herzen, er ist nur mit Mühe umzusetzen und kostet wie alle Reformen viel Geld. Aber der Frieden ist es wert.

(Martin Spiewak)