Mit Visionen verändern!

Einleitung

 

Bildung steht ganz oben auf der Tagesordnung unserer Gesellschaft. Seit Jahrzehnten wird debattiert, geforscht und reformiert. Es gibt kaum etwas, was wir über die Bildung nicht zu wissen scheinen, was noch unerforscht geblieben oder noch nicht hinreichend diskutiert worden wäre. Bildung ist ein Megathema und wird gleichzeitig

auch als Megatrend für die Zukunft identifiziert. Man kann also sagen: Bildung ist in aller Munde. Doch was

hat sich dadurch geändert? Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Trotz allem Wissen, das unsere Gesellschaft rund um das Thema Bildung angehäuft hat, scheint sich in der Praxis nur wenig geändert zu haben. Alle Betroffenen, von der Schüler- und Elternschaft, über die Lehrkräfte und die Hochschulen bis hin zur Wirtschaft singen unverändert das Klagelied auf die Defizite unseres Bildungssystems. Der Gesellschaftstraum, dass alle Menschen die gleichen Bildungschancen haben, ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht Wirklichkeit geworden.

Das wirft die Frage auf, ob wir überhaupt vom Gleichen sprechen, wenn es um Bildung geht. Und einmal grundlegend gefragt: Was ist eigentlich Bildung? Welches Bildungsverständnis haben wir in unserer Gesellschaft? Gibt es überhaupt einen Grundkonsens, über das, was Bildung ist und was sie sein soll? All das sind Fragen, mit denen wir uns als Landesschülervertretung Hessen seit Jahren beschäftigen. Auch wenn die Fragen anspruchsvoll sind und das Thema sehr komplex ist, können wir eines mit Sicherheit sagen: Antworten haben wir. Und diese Antworten haben eine klare Botschaft: Veränderung!

Wie stellen wir uns Bildung und Schule vor? Oder konkreter: Wie soll unsere Schule der Zukunft aussehen? Damit meinen wir die Schule, in der wir uns wohlfühlen und tagtäglich gerne Leben und Lernen. Die Ideen aus mehreren Jahren intensiver Arbeit haben wir nun als Grundlage genommen, um ein Gesamtkonzept unseres Bildungssystems zu gestalten. Von frühkindlicher Bildung bis zur Ausbildung haben wir alle Bildungsbereiche aufgenommen. Dieses Konzept bündelt unsere zahlreichen Ideen und zeigt einen roten Faden, der sich durch alle Bildungsbereiche zieht. Wir sagen: Wir müssen uns nicht der Schule, sondern die Schule muss sich umgekehrt uns und unseren Bedürfnissen anpassen. Doch was bedeutet dieses Grundverständnis für die verschiedensten Bildungsbereiche? Die Antworten geben wir auf den folgenden Seiten.

 

Keine Veränderung ohne Vision

Der Stellenwert der Bildung ist in der öffentlichen Diskussion höher denn je. In den Reden aller Politikerinnen

und Politikern wird von „Bildung als die wichtigste Ressource“ in dem rohstoffarmen Deutschland gesprochen. Doch wie gehen wir mit dieser offenbar wichtigen „Ressource“ um? Spätestens seit dem „PISA-Schock“ zählt das Schulsystem des 19. Jahrhunderts seine letzten Tage. Das sollte man zumindest meinen, wenn internationale Vergleiche regelmäßig und immer stärker aufzeigen, dass wir unsere Bildung und damit das Potential unseres Landes mit hoher Geschwindigkeit gegen die Wand zu fahren scheinen. Doch verändert hat sich dieses Bildungssystem seit Jahrzenten nicht!

Fest steht, dass Hessen und Deutschland eine umfassende Bildungsreform braucht. Mit Ideen für unsere Schule der Zukunft möchten wir mit der Position der Schülerinnen und Schüler eine mutige Debatte in Parteien, Interessensgruppen und vor allem der hessischen Gesellschaft anstoßen. Dabei glauben wir: Jede Veränderung braucht eine Vision. Wir erleben in der hessischen Bildungslandschaft, dass vielfach ohne ein gemeinsames Ziel gehandelt wird. Ohne eine gesellschaftliche Vision von Bildung werden wir es nicht schaffen, das Bildungssystem nachhaltig zu verändern. Um es mit den Worten des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz 

zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“ Wir brauchen in der Gesellschaft genau diese Sehnsucht nach einer Vision von Bildung, für die wir gemeinsam eintreten. Nur dann gelingt der Weg der Veränderung!

In diesem Grundsatzprogramm wollen wir diese grundlegenden Positionen formulieren und zu diesem entscheidenden Zeitpunkt in die öffentliche Diskussion einbringen. Neben konkreten Standpunkten zum Aufbau und zur Gestaltung des Bildungssystems schien es wichtig, sich auf ein Papier stützen zu können, dass unser Grundverständnis von Bildung zeigt und unsere übergreifenden Bildungsziele, für die wir im Auftrag der hessischen Schülerschaft einstehen, zum Ausdruck bringt. Wir möchten mit diesem Grundsatzprogramm bewusst über den Tellerrand hinausschauen und unsere Bildungsideale formulieren. Bei der Entwicklung dieser Schrift war uns die Einbindung der Schülerinnen und Schüler sehr wichtig. Die Schülervertretung ist GEwählt, nicht ERwählt. Wenn es darum geht, Schülerpositionen zu beschließen, auf die sich jeder und jede stützen kann, dann sollte es auch für die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit geben, ihre Meinung einzubringen und selbst zu einem Teil des Grundsatzprogramms zu werden.

Unser Bildungsverständnis

Bildung als gesellschaftliche Aufgabe

In Deutschland leben knapp 82 Millionen Bildungsexperten. Warum halten wir uns alle für Bildungsexperten? Die Antwort ist offensichtlich. Wir durchlaufen alle mehrfach das Bildungssystem und scheinen Experten in Sachen Bildung zu sein. Darunter sind natürlich auch einige, die im Bildungssystem direkt beschäftigt sind und in Kinderbetreuungseinrichtungen, in Schulen oder in der beruflichen Bildung ganz unmittelbar Bildung gestalten. Schließlich gibt es noch die Bildungsexperten im engeren Sinn, die sich als Wissenschaftler, Politikberater oder Entscheidungsträger mit dem Thema Bildung beschäftigen.

Wenn eine Gesellschaft so viele Bildungsexperten hat, sollte die Antwort auf die Frage, was Bildung ist, eine Leichtigkeit sein. Doch weit gefehlt. Würde man alle Sichtweisen und Forderungen zusammentragen, dann würde dies ein heterogenes Bild vieler teilweise auch widersprüchlicher Einzelforderungen ergeben. Dieser Befund ist Ausdruck des schon erwähnten Mangels an gemeinsamen Visionen. Denn es wird viel über Bildung gesprochen, aber es findet kaum Kommunikation zwischen den Betroffenen über das, was wir unter Bildung verstehen, statt. Diese Verständigung, dieser gemeinsame Dialog von Betroffenen, die damit zu Beteiligten werden, muss dringend geführt werden.

Das Streben nach Erkenntnis, der Drang nach Bildung ist tief in der menschlichen Natur verankert. „Tugend und Bildung“, das ist der Zweiklang, welcher nach dem Humanisten Erasmus von Rotterdam charakteristisch ist für das Menschsein. Um eben jenen Zweiklang aus „Tugend und Bildung“ dreht sich unser Bildungsverständnis, sowie jenes aus der Antike. Der Begriff „Bildung“ beinhaltet für uns nicht ausschließlich die Ausbildung der Verstandeskräfte (d.h. die Schulung der analytischen und methodischen Fertigkeiten), sondern greift weiter, indem er nie ohne einen zwischenmenschlichen, beruflichen, ethischen und religiösen Kontext gedacht werden kann.

Bildung ist für uns der Wegweiser für die Inklusion in die Gemeinschaft/Gesellschaft. Vermittlung von Bildung ist so die Anleitung zur Sozialkompetenz und der Fähigkeit zur autonomen Meinungsbildung.
Deshalb ist für uns die Entwicklung selbstbestimmter Persönlichkeiten zentrales
Bildungsziel, welche ihre individuelle Verantwortung für sich und die Gemeinschaft durch Bildung zu erkennen und auch wahrzunehmen vermögen.

Bildung soll

 

  • den Menschen befähigen, ein mündiger, kritischer (reflektierender) und autonomer Akteur in unserer

    Gesellschaft zu sein.

  • durch „Bildung des Herzens“ Sozialkompetenz und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein stär-

    ken und zur Übernahme von Verantwortung anregen

  • Chancengleichheit herstellen 

 

Bildung soll den Einzelnen unter der Prämisse der Solidarität mit seinen Mitmenschen, denen Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse, Unterprivilegierung, politischer Einschränkung oder Unterdrückung vorenthalten werden, zur autonomen und selbstbestimmten gesellschaftlichen Partizipation und Teilhabe befähigen. Wir verstehen Bildung demnach vor allem als Mittel und Fähigkeit zu einer selbstbestimmen Persönlichkeitsentwicklung. In diesem Sinne ist Bildung als ein andauernder, persönlichkeitsbildender Prozess zu verstehen.

Bildung – mehr als nur ...

Mit diesem Verständnis von Bildung grenzen wir uns von der an vielen Stellen sichtbar werdenden Tendenz, dass Bildung primär unter dem Aspekt des ökonomischen Nutzens betrachtet wird. Mit Begriffen wie der Rede von der Informations- und der Wissensgesellschaft wird suggeriert es gehe bei Bildung in erster Linie um die möglichst effiziente Verarbeitung von Informationen zu einem für die Ökonomie nutzbaren Wissen. Im Umkehrschluss wird Wissen, dass auf den ersten Blick nur einen geringen ökonomischen Nutzen verspricht, als nicht relevant eingeschätzt.

Dies führt unweigerlich zur Frage, was wir unter Wissen verstehen. Nach dem Wiener Philosophen Konrad Paul

Liessmann ist Wissen eine „Form der Durchdringung der Welt: erkennen, verstehen, begreifen.“ Wir alle haben

die Erfahrung gemacht: Wir können nur dann etwas begreifen, wenn wir uns mit den Hintergründen auseinandergesetzt haben. Oder anschaulicher ausgedrückt: Wir werden den Eisberg dann erkennen, wenn wir unter seine Eisspitze schauen. Liessmann formuliert das so: „Wissen existiert dort, wo etwas erklärt oder verstanden werden kann, Wissen referiert auf Erkenntnis, die Frage nach der Wahrheit ist die

Grundvoraussetzung für Wissen“. Man könnte auch sagen, dass es bei Wissen um die Frage nach dem

„Warum“ ankommt.

Nach diesem Verständnis von Wissen müssen wir jeglichen Multiple-Choice Tests, dem Auswendiglernen von Namen, Begriffen, Daten und sonstigen Informationen eine klare Absage erteilen. Interessant scheint auch die folgende Frage, mit der sich Liessmann beschäftigt: Gibt es sinnvolles und sinnloses Wissen?

Nein! Denn „ob Wissen nützen kann, ist nie eine Frage des Wissens (...)“ Auf ein konkretes Beispiel bezogen

heißt das: Ob den Schülerinnen und Schülern das Lesen von Goethes Faust später einmal Anwendungsmöglichkeiten im Leben bietet, ist mehr als fraglich. Dennoch fordert das Werk alle Leserinnen und Leser auf, sich in neue Formen der Durchdringung der Welt einzulassen. Es öffnet sich ein neuer geistiger Horizont. Das Werk wirft Fragen auf, die sich viele sonst in der Form nicht gestellt hätten. „Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält?“ Die Beschäftigung mit dieser Frage wühlt auf, regt an und lässt uns alle Umwege gehen. Diese Umwege zeigen ihre Wirkung eventuell nicht an konkreten Lebenssituationen, aber schaffen es, unsere Augen für neue gesellschaftliche Themen zu öffnen!

Daher greifen die Prognosen vom ständig wachsenden und sich immer schneller vervielfachenden Wissen als Begründung auf ein auf Effektivität und Effizienz ausgerichtetes Bildungsverständnis zu kurz. Denn erst ein Lernen in Sinnzusammenhängen ermöglicht es Informationen einzuordnen und daraus Wissen zu erlangen.

Unbestritten ist, dass Bildung auch dazu beitragen soll, dass das Individuum seinen Platz in der Gesellschaft findet und sich entsprechend seiner Fähigkeit, Möglichkeiten und seines Wissend einbringen kann. Eine Vorbereitung auf die zukünftigen Anforderungen in der Arbeitswelt ist daher auch eine legitime Anforderung an das, was Bildung leisten soll. Wir sind der Meinung: Wer sich umfassend durch die Stärkung der persönlichen Autonomie zu einer kritischen und selbstbestimmten Persönlichkeit entwickelt hat, der bringt die besten Voraussetzungen, um auch den sich wandelnden Anforderungen der Arbeitswelt gerecht zu werden. 

 

Wie ist es um die Bildungschancen in unserem Land bestellt?

Der englische Philosoph Francis Bacon erkannte schon: „Wissen ist Macht.“ Das heißt aber in der Folge auch: Wenn alle Menschen über dieses Wissen verfügen, stellt Wissen keine Macht mehr da. Wir könnten auch sagen: Wenn alle Menschen gebildet sind, gibt es jene eine Gruppe nicht mehr, die ihre Bildung zur Machtausübung und Machterhaltung nutzen könnte. Auf unser gegenwärtiges Bildungssystem übertragen bedeutet das, dass es eine Gruppe gibt, die durch die Selektion scheinbar gewinnt und eine andere Gruppe, die verliert. Wir haben ein Bildungssystem der Verlierer und Gewinner. Im deutschen dreigliedrigen Schulwesen ist der Zusammenhang

 

zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft so groß wie in den Schulen keiner anderen Industrienation. Nicht die Leistung, sondern das soziale Umfeld der Geldbeutel der Eltern bestimmt den Bildungsweg der Schülerinnen und Schüler.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der massiven Selektion in deutschen Schulen sind die Leistungen aber nur mittelmäßig oder unterdurchschnittlich. Wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, findet im starren Frontalunterricht eine Gleichmacherei zu Lasten der Stärksten und Schwächsten an unseren Schulen statt. Warum wird von einzelnen Parteien dennoch an diesem Selektionsmodell festgehalten?

Die Antwort auf diese Frage ist einfach und bedenklich zugleich: Es ist reines politisches Kalkül. Es geht dabei um nicht weniger als Klientelpolitik, bei der nicht die Leistungseliten, sondern die Geldeliten in unseren Schulen und Hochschulen gefördert werden. Und dass dieses Klientel daran interessiert ist, eine von anderen Gesellschaftsgruppen erhobene Stellung zu haben, erkannte schon Bacon. So ist es ein Irrglaube, dass die Utopie zur Überwindung von Gesellschaftsklassen endlich Realität geworden ist. Vielmehr sehen wir uns nach wie vor dem Problem gegenübergestellt, dass soziale Ungleichheiten nicht beseitigt, sondern durch das System noch gestärkt werden. Und wie kann sie das schaffen? Durch Wissen bzw. Bildung wie Bacon richtig feststellt. Denn wenn alle Menschen die gleichen Chancen auf Bildung haben, verliert eine Gruppe ihre exklusive gesellschaftliche Stellung. Damit gründet das dreigliedrige Schulsystem auf einem menschenverachtenden Modell der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, was von einer unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen ausgeht.

Wir sagen ganz klar: Jedes Kind hat ein Recht auf die bestmögliche Bildung und Achtung seiner Individualität! Für uns sind alle Menschen gleich wert, gleich zu achten und gleich zu schützen – unabhängig von ihrer Leistungsfähigkeit, sozialer und ethnischer Herkunft oder ihres Geschlecht. Wir lehnen daher ein mehrgliedriges Schulsystem nicht nur aufgrund der schwachen Leistungserfolge dieses Systems ab. Vielmehr geht es dabei um ein Menschenbild: Jeder Mensch ist wertvoll und besitzt besondere Fähigkeiten. Wir möchten eine Gesellschaft, bei der wir von- und miteinander lernen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass Bildung der zentrale Baustein für eine Gesellschaft ist. Wenn wir eine vielfältige und tolerante Gesellschaft möchten, brauchen wir inklusive Schulen – ohne Wenn und Aber! Dabei zählt jede Schülerin und jeder Schüler. Wenn wir junge Menschen bereits institutionell trennen, beginnen wir auch die Trennung der Gesellschaft. Eine gemeinsame Gesellschaft existiert nur dort, wo unterschiedliche Menschen einander begegnen und sich mit ihren vielfältigen Persönlichkeiten erleben.

Wir dürfen keine Schülerinnen und Schüler mehr verlieren, indem wir ihre besonderen Talente und vielfältigen

Begabungen schon frühzeitig in der Schule zerstören. Der bekannte Entwicklungsbiologe und Hirnforscher

Gerald Hüther geht sogar weiter, in dem er sagt: „Jedes Kind ist hochbegabt.“ Mit dieser Einschätzung ist er

nicht realitätsfern, sondern hat umgekehrt erkannt, dass jeder Mensch besondere Potentiale hat. Bildung muss diese Potentiale herausholen und würdigen.

Das skandinavische Vorbild zeigt, dass inklusiver Unterricht, Schule ohne Sitzenbleiben und Benotung mittels Ziffern realisierbar und Leistungsstärke und soziale Gerechtigkeit kein Widerspruch für ein modernes Bildungssystem sind. Eine Gemeinschaftsschule macht Schluss mit der „Deutschen Homogenitätslüge“. Statt vermeintlich gleiche Leistungsgruppen zu erzwingen, muss die natürliche Verschiedenheit der Schülerinnen und 

Schüler anerkannt und respektiert werden. Das ist nicht nur eine Frage der Zukunftsfähigkeit eines Landes, sondern auch und gerade eine Frage des Menschenbilds! 

 

Grundlage unseres Handelns: Unser Menschenbild

Jedes Kind ist wertvoll und hat besondere Potentiale, von der die Gemeinschaft bereichert wird. Als aufgeklärte Schülerinnen und Schüler lehnen wir daher deutlich die menschenverachtende These ab, dass manche Kinder von Geburt an weniger wert seien als andere. Vielmehr sehen wir Verschiedenheit nicht als Schwäche, sondern als Stärke von jungen Menschen und einer Gesellschaft.

Der Mensch hat von Geburt an grundlegende Verhaltensweisen der Solidarität mit den Schwachen und des

Einsatzes für Fairness und Gerechtigkeit. Vielfache Studien mit Kindern haben gezeigt, dass sie ein ausgeprägtes


Moralbewusstsein haben, welches zunehmend abstumpft. Die Gestaltung von Bildung ist dafür maßgeblich

verantwortlich. Leistungsdruck und fragwürdige Belohnungsmodelle schaffen die falschen Anreize. Engagement gibt es plötzlich nur noch dann, wenn Kinder für eine Handlung belohnt werden. Dass wir dabei den Menschen negativ verändern, ist mehr als bedenklich.

Kinder wollen von sich aus ihre Umwelt erkunden und erleben. Das bedeutet, dass wir bei den Kindern die Neugierde und die Begeisterung für die Umwelt gar nicht entwickeln müssen, sondern wir sie in ihrem Grundstreben unterstützen und fördern müssen. Wir müssen ihnen also die Möglichkeit eröffnen, selbst aktive Gestalter ihrer eigenen Bildungsprozesse zu werden. Das gelingt nur dann, wenn wir den freiheitlichen Raum für diese Lernprozesse geben. Dass Leistungsdruck diese vorhandene Begeisterung bei den Kindern schnell zerstört, ist völlig verständlich. Auch wir haben eine Vorstellung von Leistung in der Schule. Wir definieren Leistung aber nicht durch das Übertrumpfen anderer, sondern durch das Erreichen selbst gesetzter wie auch kollektiver Ziele. Wir setzen uns für eine friedliche, freie, gerechte und solidarische Gesellschaft ein, indem die zukünftigen Generationen als wertorientierte und weltoffene Menschen handeln.

Bildung begreifen wir als sozialen Prozess, bei dem sich alle Beteiligte sowohl als Lehrende als auch Lernende verstehen. Kinder sollen von der Heterogenität der Lerngruppe bereichert werden, in dem sie von- und miteinander lernen. 

 

 

 

Schülervertretung: Die inklusive Schule

 

Worum geht es bei Inklusion?

Inklusion bedeutet die gesellschaftliche Teilhabe aller durch Wertschätzung ihrer Verschiedenheit. Eine inklusive Schule ist also eine Schule für alle, für jede Schülerin und jeden Schüler, unabhängig von Behinderung, Einschränkungen, sozialer Benachteiligung oder Migrationshintergrund. Für uns heißt das konkret, dass wir ein Bildungssystem möchten, bei dem alle Kinder gemeinsam von- und miteinander lernen – ohne Ausgrenzung und Selektion!

Nach dem Verständnis der Inklusion muss daher das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft und eine Gemeinschaftsschule eingeführt werden.

 

 

Warum ist uns inklusive Bildung wichtig?

Wir sind der festen Überzeugung, dass Bildung der zentrale Baustein für eine Gesellschaft ist. Wenn wir eine vielfältige und tolerante Gesellschaft möchten, brauchen wir inklusive Schulen – ohne Wenn und Aber! Dabei zählt jede Schülerin und jeder Schüler. Wir dürfen keine Schülerinnen und Schüler mehr verlieren, indem wir ihre besonderen Talente und vielfältigen Begabungen schon frühzeitig in der Schule zerstören. Das passiert bereits ganz einfach dadurch, dass wir Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Schulformen trennen. Wir sind uns sicher: Unterschiedlichkeit bereichert! Deshalb sollten wir nicht selektieren, sondern umgekehrt gemeinsam uns als Menschen erleben und so stets neue Potentiale entdecken.

 

 

Wie sieht es bei der Umsetzung von Inklusion aus?


Inklusion ist ein Menschenrecht! Menschenrechte dürfen nicht an den Kosten scheitern. Wer tatsächlich hinter

Inklusion steht, stellt auch die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung. Seit Sommer 2011 haben theoretisch

alle Schülerinnen und Schüler das Recht auf eine inklusive Schule.

 

Doch dieses Recht steht im hessischen Schulgesetz unter dem so genannten Ressourcenvorbehalt: Es muss nicht eingelöst werden, wenn entsprechendes Personal, Räume und Ausstattung fehlen. Eine Schule mit Treppen wird ein Kind im Rollstuhl abweisen dürfen, sofern sie keine Rampen oder Fahrstuhl hat. Ohne Ressourcen wird Inklusion nicht gelingen. Seit Beginn des Schuljahres wurden bereits mehr als 260 Schülerinnen und Schüler abgelehnt. Das sind genau 260 zu viele, denen wir ihr Menschenrecht auf inklusive Bildung nehmen.  Wie muss Schule vor diesem Hintergrund gestaltet werden, um gelingende Inklusion zu praktizieren?

 

 

Gemeinsamer Unterricht (GU) als Regelunterricht

 

Herzstück des inklusiven Schulsystems bildet der gemeinsame Unterricht als Regelunterricht. Im gemeinsamen Unterricht lernen alle Schülerinnen und Schüler in jahrgangsübergreifenden Gruppen gemäß ihren individuellen Bedürfnissen. Leitmotiv des erfolgreichen Lernens ist die individuelle Förderung durch individualisierte Lehrpläne auf Basis gemeinsamer Projekte. Phasen des gemeinsamen Arbeitens in der Gruppe und des individuellen Lernens wechseln sich ab. Im Fokus steht so die Persönlichkeitsentfaltung.

 

 

Jahrgangsübergreifendes Lernen

 

Um das Lerntempo der einzelnen Schülerin oder dem einzelnen Schüler anzupassen, soll der zeitliche Rahmen nicht fest vorgegeben, sondern flexibel sein. Unterricht in jahrgangsübergreifenden Gruppen bietet zahlreiche Chancen für die Entwicklung jedes Einzelnen: Er mindert die Konkurrenz der Schülerinnen und Schüler untereinander und die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes gewinnt an Bedeutung. Weiterhin wirkt sich der gemeinsame Unterricht leistungsfördernd aus, da jüngere Kinder durch den höheren Entwicklungsstand der älteren Mitschülerinnen und Schüler angeregt werden und voneinander lernen. Der jahrgangsübergreifende Unterricht lässt außerdem eine höhere Flexibilität zu: Die Grundschule bzw. Sekundarstufe I kann schneller durchlaufen werden, ohne eine Klasse verlassen zu müssen , da leistungsstarke Schülerinnen und Schüler bereits die Unterrichtsziele der höheren Klassen anstreben können. Kinder, die mehr Zeit fürs Lernen benötigen, können ohne „Sitzenbleiben“ länger in der jeweiligen Lerngruppe verbleiben. Somit ist der jahrgangsübergreifende Unterricht ein wichtiges Mittel zur individuellen Förderung.

Grundsätze der Landesschülervertretung Hessen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Lasse Lowak

 

(Schülersprecher)