18.11.2019

Fünfte Stolpersteinverlegung in Kirchhain

51 Stolpersteine erinnerten bereits vor verschiedenen Häusern Kirchhains an das Schicksal jüdischer Kirchhainer, die im Nationalsozialismus entrechtet, gedemütigt, vertrieben oder aber ermordet wurden. Am 21. Oktober 2019 wurden nun unter großer Anteilnahme der Kirchhainer Bevölkerung weitere 16 Stolpersteine verlegt für die Familien Schaumberg, Steinhauer, Rothschild und Heching. Vorbereitet und gestaltet wurde die Stolpersteinverlegung von der Stolperstein-AG ARRET der Alfred-Wegener-Schule und dem WPU-Kurs Musik der Jgst. 10, dem Heimat- und Geschichtsverein Kirchhain und der Stadt Kirchhain.  

Seit mehreren Monaten hatten die Schülerinnen und Schüler der Stolperstein-AG, Johanna Gücker, Nina Müller (beide Jgst. 13), Lisa Raabe, Oğuzhan Tercüman, Lara Weimer und Fabian Wilhelm (alle G10b), unter Leitung der Lehrkräfte Sebastian Gums, Barbara Sonnenberger, Paula Trzaskalik und Heike Wilhelm die Geschichten der jüdischen Familien recherchiert und Kontakt zu noch lebenden Angehörigen der Familien hergestellt. Bei der Stolpersteinverlegung trugen die Schülerinnen und Schüler die Familienbiografien an der jeweiligen Verlegestelle vor und gaben den Einzelnen durch das Zeigen großer Porträtaufnahmen ein Gesicht.

 

 

In der Hofackerstraße 11 wurde der Familie Rothschild gedacht. Juda Rothschild hatte dort eine Fell- und Darmhandlung betrieben. Schon 1936 floh Sohn Felix nach Brasilien und später weiter nach Argentinien, der Tochter Else, die mit ihrem Mann Kurt Wolff und ihrem Sohn Gerhard seit 1929 in Schneidemühl (heute Piła in Polen) gelebt hatte, kam 1938 mit ihrer Familie wieder nach Kirchhain und wanderte 1939 in die USA aus. Den betagten Eltern Juda und Frieda gelang 1941 schließlich die Flucht über Kuba in die USA.

 

 

„Hinter der Post 1“ war eine weitere Station, an der Stolpersteine verlegt wurden. Dort betrieb, wie Harald Pausch vom Heimat- und Geschichtsverein vortrug, bis 1939 Familie Heching eine Pferdehandlung. Der Mutter Berta und ihren Kindern Selma, Harri und Hermann gelang die Flucht in die USA, doch die jüngste Tochter Margot wurde vermutlich 1942 im Warschauer Ghetto ermordet.

 

 

Für das Ehepaar Ludwig und Paula Steinhauer wurden in der Niederrheinischen Straße 2 Stolpersteine verlegt. Nach massiven Übergriffen in der Pogromnacht am 8. November 1938 waren der ehemalige Volksschullehrer und seine Frau in die Schweiz nach Zürich zu ihrer Tochter geflohen und hatten dort bis zu ihrem Lebensende gelebt. Ihre Enkelin Katrin Fröhlich war aus der Schweiz angereist, um der Stolpersteinverlegung beizuwohnen und verfolgte mit Anteilnahme, was Katharina Koch und Johanna Gücker von der Stolperstein-AG über das Schicksal des Ehepaars berichten konnten.

 

 

 

 

 

Besonders eindrücklich war die Verlegung der Stolpersteine für Familie Schaumberg in der Niederrheinischen Straße 3, da Tom Schaumberg und sein Bruder Peter, die aus Washington angereist waren, persönlich von der Geschichte ihrer Familie berichteten. Ihre Großeltern Adolf und Fanny Schaumberg lebten seit 1905 in Kirchhain, 1906 wurde ihr Vater Ernst und 1911 ihre Tante Gertrude geboren. Adolf Schaumberg starb 1938, seine Frau Fanny wurde im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Gertrude gelang 1939 über Amsterdam die Flucht in die USA, während Ernst mit seiner Ehefrau und seinem Sohn Tom erst nach Internierung im Lager Westerbork und Inhaftierung im KZ Bergen-Belsen im April 1945 befreit wurde und in die USA auswandern konnte. „Wir möchten uns herzlich für die Ehre bedanken, die Sie meiner Familie mit der Legung der Stolpersteine zukommen lassen“, beendete Tom Schaumberg seine Rede.

 

 

Neben Bürgermeister Olaf Hausmann, Klaus Hesse vom Heimat- und Geschichtsverein und Schulleiter Bosse sprach auch Johanna Gücker (Jgst. 13) für die Stolperstein-AG ARRET. Sie betonte, dass „die Stolperstein-AG nicht nur ein bloßes Hobby ist, sondern eine Relevanz für Kirchhain hat.“ Sie erinnerten auch an unsere Verantwortung vor Ort, „dass wir antisemitischen Tendenzen wie Schmierereien an Stolpersteinen und Wänden sowie vermeintlichen Späßen klar entgegenstehen und nicht zulassen, dass diese geduldet werden.

Es gibt den Gedanken, dass ein Mensch ein zweites Mal stirbt, wenn man seinen Namen vergisst. Und daher werden wir nicht zulassen, dass Kirchhainer Jüdinnen und Juden vergessen werden.“ 

 

 

Amnon Orbach, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Marburg, intonierte ergreifend das jüdische Gebet „El male Rahamim“ vor, in dem der in der Shoa ermordeten Juden gedacht wird. Der von Torsten Mihr geleitete Wahlpflichtkurs Musik der Jgst. 10 trug ebefalls zum würdigen Rahmen der Gedenkveranstaltung bei: Das Saxophonensemble des Kurses trug das Stück „Over the rainbow“ und der ganze Wahlpflichtkurs die jiddischen Lieder „Donna donna“ und „Baj mir bistu schejn“ vor.

 

 

Am Tag nach der Verlegung, am Dienstag, dem 22.10.2019, kamen Tom und Peter Schaumberg in die Alfred-Wegener-Schule, um den Schüler*innen der 10. Klassen von ihrer Familiengeschichte zu berichten und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dabei war für die 120 Schüler*innen beeindruckend, wie offen und gelassen der 81-jährige Tom Schaumberg ihnen gegenüber von seinen Erlebnissen im KZ Bergen-Belsen, den abenteuerlichen Umständen seiner Befreiung aus dem „verlorenen Zug von Tröbitz“ und seinem Werdegang in den USA erzählte. Seine Eltern hätten nach Kriegsende keine negativen Gefühle gegenüber Deutschland gehegt und er selber studierte auch zeitweise in Frankfurt, berichtete er in fließendem Deutsch. Die Erlebnisse des Holocaust seien in der Familie zwar nicht direkt thematisiert, aber auch nicht tabuisiert worden. Im Familien- und Bekanntenkreis, in dem sich viele aus Nazideutschland geflohene Jüdinnen und Juden befanden, habe man vielmehr vom Schicksal des anderen jeweils gewusst, aber sich auf das Leben in den USA konzentriert. Doch insbesondere die deutschen Essensgewohnheiten habe die Familie lange gepflegt. Kirchhain hatten Tom und Peter, die beide sehr erfolgreiche Anwälte in Washington sind, bisher nur einmal bei einer Stippvisite besucht. Durch ihren viertägigen Besuch zur Stolpersteinverlegung entstand für sie eine neue Beziehung zur Heimatstadt ihres Vaters. Tom Schaumberg will daher im kommenden Jahr mit seinen Kindern und Enkeln erneut nach Kirchhain kommen.

 

Barbara Sonnenberger

 

(Fotos: Hr. Trepte)