31.05.2018

Stolpersteine in Kirchhain – Steine gegen das Vergessen

Am Montag, dem 28. Mai 2018, wurden in Kirchhain 14 Stolpersteine für Angehörige der jüdischen Familien Stern, Katten und Lomnitz verlegt, die im Nationalsozialismus entrechtet, ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt und Opfer nationalsozialistischen Terrors wurden. Vor ihren damaligen Wohnhäusern in der Hindenburgstraße 2, der Römerstraße 13, der Borngasse 10 und Am Markt 20 wurden die Gedenksteine eingelassen.

Etwa 100 Kirchhainerinnen und Kirchhainer nahmen an der eindrücklichen Veranstaltung teil, die gemeinsam von der Stolperstein- AG ARRET der Alfred-Wegener-Schule, dem Heimat- und Geschichtsverein Kirchhain und der Stadt Kirchhain vorbereitet worden war. Schüler/innen  der Stolperstein-AG und Vertreter des Heimat- und Geschichtsvereins trugen die Biografien der Betroffenen vor, der Wahlpflichtkurs Musik der Jahrgangsstufe 9 schuf einen passenden musikalischen Rahmen. Eine Schülergruppe Darstellendes Spiel thematisierte durch ein kurzes szenisches Spiel eindringlich die emotionale Entwurzelung, die für viele Jüdinnen und Juden mit der Flucht aus Deutschland verbunden war.

Besonders bewegend wurde die Gedenkfeier durch die Anwesenheit von Nachfahren der Familie Julius Stern und der Familie Katten, die eigens für die Verlegung aus den USA angereist waren und  zu den Anwesenden über ihre Familien sprachen. „Mein Vater hätte vermutlich sein ganzes Leben hier verbracht“, sagte Liz Rome vor dem Haus „Am Markt 20“, in dem ihr Vater Adolf Katten mit seinem Bruder Emil ein Manufakturwarengeschäft betrieben hatte. Aber eines Nachts im Jahr 1935 wurde er auf dem Heimweg von drei Braunhemden gestoppt und zusammengeschlagen – mit einem der Täter  war er zur Schule gegangen. Adolf Katten entschied daraufhin, Deutschland zu verlassen.  Das Geschäft der Brüder Katten wurde 1939 zwangsweise zu einem Schleuderpreis verkauft und auch die anderen Familienmitglieder flohen. Auch der Vater von Russell, Kenneth und Susan Stern, Heinz Stern, floh als junger Mann 1939 mit seinen Eltern und seiner Schwester aus Kirchhain. Sein Onkel hingegen, Karl Zadok Stern, wurde kurz nach der Pogromnacht im November 1938 im KZ Buchenwald  ermordet. Vor seinem Wohnhaus in der Borngasse 10 sang Amnon Orbach, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Marburg, das Gebet „El male Rachamim“ zum Gedenken an die Opfer der Shoah.

Eine besondere Bedeutung erhielt die diesjährige Stolpersteinverlegung auch angesichts der Schändung mehrerer Stolpersteine in Kirchhain in der vergangenen Woche. „In Zeiten, in denen Fahrradwege und Häuser in Kirchhain oder auch Wände in unserer Schule mit antisemitischen Parolen und Symbolen beschmiert werden und das Wort ‚Jude‘ von Mitschülern als Schimpfwort missbraucht wird, ist erkennbar, dass Antisemitismus leider nicht der Vergangenheit angehört, sondern immer noch traurige Realität ist“, erklärte Schülerin Katharina Koch, die im Namen der Stolperstein-AG sprach. Und auch Bürgermeister Olaf Hausmann betonte: „Wir verurteilen diese Vorkommnisse aufs Allerschärfste. Es ist wichtig, dass wir Gesicht zeigen.“

Die aktuelle Debatte über Antisemitismus in Kirchhain wurde auch Thema bei der Schulveranstaltung am Dienstag, dem 29. Mai, bei der Russell Stern zu 120 Schüler/innen der Klassen 8 bis 12 sprach und mit ihnen ins Gespräch kam. Zunächst erzählte er die Geschichte seiner Familie vor allem nach der Flucht in die USA. Sein Vater Heinz, der sich in den USA Harry nannte, baute in den USA sehr erfolgreich ein eigenes Unternehmen auf. Deutsch sprachen er und seine Ehefrau vornehmlich, wenn die Kinder nicht verstehen sollten, worum es ging. Doch wurden einige jüdisch-deutsche Traditionen z.B. einige typisch deutsche Gerichte, beibehalten, die Russell Stern bis heute pflegt. Auf die Frage einer Schülerin, ob er bisweilen Angst habe, seine jüdische Identität zu erkennen zu geben, entgegnete er: „Warum?“ Es sei wichtig, Antisemitismus offensiv entgegenzutreten. Schon am Ende seiner Rede hatte er betont: „Angesichts von Tyrannei müssen Menschen mit einem Gewissen den Mut und den Willen haben, zusammenzuhalten, denn es gibt keinen anderen Weg, um diejenigen zu besiegen, die uns unsere Freiheit und unser Leben nehmen würden.“

Barbara Sonnenberger

Den OP-bericht zur Stolpersteinverlegung am 28. Mai 2018 finden Sie hier.